Objekt des Monats

Juni 2020

Schild „Ausstellung Stadtrandsiedlung Sirnau“
Holz, Farbe
Masse 103,5x304cm
1932

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006949)

Das Bild zeigt das aufgefaltete Kartenblatt, eingezeichnet der Landkreis Esslingen. Am oberen Rand die beiden im Text erwähnten Stempel.

Krisensituationen begleiten die Menschen seit jeher. Naturkatastrophen vernichteten die Ernten, Kriege riefen Not und Elend hervor und aktuell bekämpfen die Menschen weltweit die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen. Am – auch als „Schwarzen Freitag“ bekannten – 25. Oktober 1929 kam es in den USA zu einem Börsencrash, der zu einer weltweiten Wirtschaftskrise führte. Sie traf Deutschland besonders hart, da man hier in den 1920er Jahren wirtschaftlich von amerikanischen Krediten abhängig war. Die Produktion brach ein und die Arbeitslosenzahlen stiegen von 1,3 Millionen (September 1929) auf mehr als 6 Millionen (Anfang 1933). Armut, Not und Obdachlosigkeit waren weit verbreitet, auch weil die kurz zuvor eingeführte Arbeitslosenversicherung die hohe Zahl der Bedürftigen nicht versorgen konnte.

1930 zerbrach die letzte demokratisch gewählte Regierung der Weimarer Republik, eine „Große Koalition“. Bei den anschließenden Reichstagswahlen wurde die NSDAP die zweitstärkste Partei. Da sich keine regierungsfähigen Koalitionen mehr bilden ließen, führte Reichspräsident Paul von Hindenburg mit Hilfe des Notverordnungsrechts Präsidialkabinette ein.

Im Zug der dritten Notverordnung, zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen, erließ Reichspräsident Hindenburg am 6. Oktober 1931 die „Verordnung zur vorstädtischen Kleinsiedlung und Bereitstellung von Kleingärten für Erwerbslose“. Mit Hilfe niedrig verzinster Darlehen sollten Erwerbslose dazu animiert werden, sich selbst ein Eigenheim zu errichten. Zusätzlich sollten sie durch Gartenbewirtschaftung und Kleintierhaltung schrittweise zu Selbstversorgern werden.

Damals zählte die Stadt Esslingen rund 8.000 Erwerbslose, auch die Wohnungsnot war groß. Daher beschlossen Gemeinderat und Stadtverwaltung unter dem damaligen Oberbürgermeister Dr. Ingo Lang von Langen, eine Stadtrandsiedlung zu errichten. Anfangs sollten 24 Siedlerstellen entstehen, später kamen 26 weitere hinzu. Am 2. Dezember 1931 erschien eine Bekanntmachung in der Esslinger Zeitung, in der Interessenten dazu aufgefordert wurden, sich bis zum 15. Dezember zu melden. Es gingen insgesamt 56 Bewerbungen ein. Bereits ein Tag nach Ende dieser Frist wurden die Sirnauer Wiesen – einer von vier möglichen Orten – als Standort der neuen Siedlung ausgewählt. Gleichzeitig wurden die Rahmenbedingungen festgelegt: Eine Siedlerstelle sollte mindestens 600m² Land haben, die Kosten pro Gebäude durften maximal 3000 RM betragen und die Siedler verpflichteten sich, mindestens 500 Arbeitsstunden zu leisten. Die Häuser wurden im Holzfachwerkbau nach Plänen des Esslinger Architekten Otto Junge gebaut. Das Holz stellte die Stadt vergünstigt zur Verfügung, ebenso Werkzeug und Arbeitskleidung. Der Baubeginn der Siedlung war im Februar 1932.

Im Juli 1932 waren bereits 24 Häuser fertiggestellt. Da sowohl das Interesse als auch die Kritik an dem Projekt „Stadtrandsiedlung Sirnau“ groß war, luden die Verantwortlichen dazu ein, die neu errichtete Siedlung im Rahmen einer Ausstellung zu besuchen. Hierfür wurden einige Häuser beispielhaft eingerichtet. Vom 1. bis 15. Juli 1932 durfte die die Esslinger Bevölkerung die Häuser besichtigen. Der Eintritt kostete 20 Pfennig.


Das drei Meter lange und knapp ein Meter hohe Schild, auf dem die Ausstellung „Stadtrandsiedlung Sirnau“ und der Ausstellungszeitraum angegeben sind, hing über dem Eingang zur Ausstellung. Jahrzehnte später tauchte es 2013 bei Abbruch- und Renovierungsarbeiten wieder auf – verbaut als Dielenboden, der zunächst beim übrigen Bauschutt landete. Dem Bauherrn fiel jedoch die Beschriftung auf und er setzte das Schild wieder zusammen. Somit fand er ein Objekt, das die Entstehungsgeschichte des jüngsten Stadtteil Esslingens dokumentiert. Gleichzeitig zeigt das Schild, dass das Interesse an der neu entstandenen Siedlung außerordentlich hoch war. Der ursprünglich angedachte Ausstellungszeitraum bis 15. Juli wurde nämlich um zwei Tage verlängert, wie eine nachträgliche Datumsänderung auf dem Schild zeigt. Insgesamt besuchten damals rund 6.500 Esslinger die „Stadtrandsiedlung Sirnau“.


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Wechselausstellungen

Viele Teile, eine Stadt! Gemeinsam Stadt(teil)geschichten entdecken

Plakat des Projektes "Viele Teile, eine Stadt" mit einem schematischen Stadtplan mit eingezeichneten Stadtteilen

Ausstellung im Stadtmuseum im Gelben Haus
16. Mai bis 11. Oktober 2020

Informationen zum Projekt finden Sie hier.

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28. Mai bis 11. Oktober 2020

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