Objekt des Monats

September 2021

Deichel
Eichenholz, Metall, Ton, Birkenpech
Anfang 19. Jahrhundert

(Städtische Museen Esslingen, STME 007829)

Ein längliches Stück Eichenholz, das der Länge nach durchbohrt ist. An der linken Stirnseite ist ein Metallring eingeschlagen und ein Tonrohr eingesetzt. An der Vorderseite sind zwei weitere Löcher eingebohrt.
Fotografie: Michael Saile

Bis das Trinkwasser in Esslingen aus dem Wasserhahn kommt, legt es eine weite Entfernung zurück. Aus dem Bodensee und dem Donauried, einer Landschaft zwischen Ulm und Donauwörth, wird es kilometerweit in metallenen Rohren hierher geleitet. Dass Esslingen auch früher schon auf gute Wasserleitungen angewiesen war, zeigt unser Objekt des Monats. Jahrhundertelang waren diese Leitungen nicht aus Metall, sondern aus Holz gefertigt. Diese als Deicheln bezeichneten Holzstämme wurden der Länge nach durchbohrt. An den Stirnseiten eingeschlagene Metallringe, die sogenannten Prunnbüchsen, dienten als Steckverbindungen für die anschließenden Deicheln.
Deicheln wurde in Esslingen bereits im Mittelalter verwendet. Die Anfänge gehen vermutlich auf den Bau der städtischen Rohrbrunnen zurück, welche bereits in einer Urkunde von 1267 belegt sind. Bei dieser Art der Brunnen lief das Wasser kontinuierlich durch, weshalb sie auch als Laufbrunnen bezeichnet wurden. Dieser konstante Ausfluss war besonders für die Qualität des Trinkwassers wichtig. Hätten die Rohrbrunnen ähnlich eines Wasserhahns abgestellt werden können, wäre das Wasser in der Holzdeichel gestanden. Die Folge wäre ein leicht fauliger Geschmack des Wassers gewesen. Da die Deicheln jedoch unterirdisch verlegt wurden (u.a. um beginnender Fäulnis des Holzes vorzubeugen), war das Wasser sehr gut vor Verunreinigungen geschützt. Die Rohrbrunnen konnten somit ein qualitativ höherwertiges Wasser liefern als die im 17. Jahrhundert aufkommenden Zieh- und Pumpbrunnen. Das frische Quellwasser wurde nicht wie heute aus weiter Ferne nach Esslingen geleitet, sondern kam aus der näheren Umgebung, etwa aus Krummenacker oder Wäldenbronn. Diese Frischwasserquellen reichten damals noch aus, die Grundversorgung der Reichsstadt sicherzustellen.
Für die optimale Nutzung des Wassers wurden große Anstrengungen unternommen. Dies zeigt sich etwa in der Anstellung eines städtischen Brunnenmeisters im Jahr 1616. Er war u.a. für die regelmäßige Wartung der Deicheln zuständig, denn jährlich mussten etwa 200 Stück ersetzt werden – bei einer möglichen Lebensdauer der Deicheln von bis zu hundert Jahren  lässt sich erahnen, wie groß das Leitungsnetz der Stadt war. Für die Finanzierung neuer Deicheln war die Stadt verantwortlich. So wurden laut Ratsprotokoll von 1739 3.000 Stück eingekauft. Um einer Austrocknung und damit verbundenen Rissbildung entgegenzuwirken, mussten die Holzstämme bis zu ihrer Verwendung unter Wasser gelagert werden. In anderen Städten gab es dafür extra vorgesehene Teiche oder Kanalabschnitte. Wo dies in Esslingen geschah, ist nicht bekannt. Bei Bedarf wurden die Deicheln aus dem Wasser geholt und mit einem Löffelbohrer der Länge nach durchbohrt. Hierbei gab es zwei Herangehensweisen: Entweder die Bohrung erfolgte durch den gesamten Stamm oder – wie im Fall unserer Deichel – das Holz wurde in kleine Abschnitte unterteilt, durchbohrt und anschließend wieder zusammengesetzt. Die Gefahr der Leckage war bei dieser zweiten Herstellungsmethode ständig gegeben. Vor allem die Verbindungen zwischen den einzelnen Deicheln stellten hierbei Sollbruchstellen dar, die regelmäßig überprüft werden mussten. Birkenpechtropfen auf der Oberfläche des Objekts des Monats legen die Vermutung nahe, dass diese Deichel undichte Stellen hatte, die nachträglich ausgebessert werden mussten.
Zwei Löcher in der Seite machen die Deichel zu einem ganz besonderen Objekt. Diese wurden bis in das längs verlaufende Rohr gebohrt, wodurch klar wird, dass es sich hierbei um eine Abzweigung handelt. Durch die intensive Nutzung der Deichel wurde an einer Stirnseite das Holz innerhalb des Rings ausgespült und abgetragen Eine Ausbesserung dieser Stelle erfolgte durch ein eingesetztes Tonrohr. Im 19. Jahrhundert wurde Ton immer mehr zum bevorzugten Material für Wasserleitungen in Esslingen. Holzdeicheln verloren in dieser Zeit ihre Bedeutung, woraufhin 1838 alle Holzdeicheln der Stadt durch Tonrohre ersetzt wurden.


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