Objekt des Monats

März 2019

Carl Wahler: Sirnauer Hof
Kohlezeichnung und Gouache
1920er Jahre

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006282)

 

Fotografie: Michael Saile


Während heute die Talauen des Neckars über allergrößte Strecken dicht bebaut und besiedelt sind, lässt eine höchstens hundert Jahre alte Ansicht des Hofguts Sirnau ahnen, dass vor der Industrie und der Siedlung Sirnau hier eine weitläufige ländliche Idylle bestanden hat.

Durch archäologische Grabungen im Jahr 1936 wissen wir, dass am Ostrand der heutigen Siedlung ein großer alemannischer Friedhof gelegen hat. Auch keltische Funde, so ein faszinierend ausgestattetes Grab einer jungen Frau aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert, sind damals ausgegraben worden.

Auch wenn eine Vorgängersiedlung der Alemannen erschlossen werden kann und es im Mittelalter die Weiler Ober- und Untersirnau gegeben hat, wurden erst mit der Gründung eines Nonnenklosters 1241 Ort und Name aktenkundig. Eine Schwesternsammlung aus Kirchheim unter Teck hatte damals das Gut von einem Albert von Altbach erworben, der damit seine Teilnahme am Kreuzzug gegen die Tataren finanzieren wollte. Vier Jahre später wurde das Kloster in den Dominikanerorden aufgenommen.
Das hielt aber weder Adelige noch Esslinger Bürger davon ab, die Sirnauer Dominikanerinnen juristisch und auch ganz handfest immer wieder zu bedrohen und sogar Klostergebäude zu zerstören, bis die Frauen 1292 die Erlaubnis erhielten in die Esslinger Vorstadt Pliensau umzuziehen, wo heute noch die Sirnauer Straße an sie erinnert. Vom ehemaligen Kloster Sirnau aus wurden nun die umliegenden Felder bewirtschaftet wurden. Da der Klosterhof einsam fernab der Stadt Esslingen lag, war er 1449 und 1519 Ziel württembergischer Angriffe.

Dies ändert sich im Grunde auch nicht, nachdem er an das Esslinger Katharinenspital verliehen und im Bauernkrieg 1525 großteils abgebrannt worden war. Die Dominikanerinnern übergaben danach ihren Klosterhof endgültig an das Spital, wodurch er nach der Reformation um 1535 reichsstädtischer Besitz wurde.

Zwischen 1544 und 1576 wurde der Hof weitgehend so wiederaufgebaut, wie er sich heute darstellt. Der Besitz an Grund und Boden konnte in den nächsten beiden Jahrhunderten deutlich vergrößert werden und erreichte Ende des 18. Jahrhunderts über 350 Hektar Acker-, Wiesen- und Waldland.

Im Jahr 1800 errichtete westlich des Sirnauer Hofes im benachbarten Friedenstäle Jakob Zink eine Hammerschmiede. 1802 wurde Sirnau mit Esslingen zusammen württembergisch und 1828 der Markung Deizisau zugeschlagen, was einen hundert Jahre langen Streit zwischen der Stadt Esslingen und dem Staat Württemberg nach sich zog. Die Sirnauer Wiesen, auf denen heute die Siedlung Sirnau liegt, wurden Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend für sportliche Aktivitäten genutzt. Ein Schießhaus und später auch ein Forsthaus wurden errichtet. Die 1889 aufgenommene Fährverbindung mit der Fähre „Cimbria“ blieb vor allem durch ein schreckliches Unglück nach einem Fußballspiel im April 1918 mit 21 Todesopfern lange Zeit im Gedächtnis der Bevölkerung.

In den 1920er Jahren begannen die Neckarbegradigung und –kanalisierung. Aus dieser Zeit stammt wohl die kleine frühlingshafte Ansicht von Carl Wahler, der 1863 in Esslingen geboren worden war, in den 1880er Jahren nach einer Lithographenlehre an der Stuttgarter Kunstschule bei Friedrich von Keller Malerei studiert hatte und ab 1889 lange Jahre eine Lithographiewerkstatt in Stuttgart betrieb. Seine eigentliche Leidenschaft galt aber der Industrie- und Landschaftsmalerei. Berühmt wurden seine Darstellungen von Hammerschmieden. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bis zu seinem Tod 1931 widmete er sich ganz der Malerei.

Er stellt die Situation bei einem Ausflug in die Umgebung seiner alten Heimatstadt so dar, wie sie sich auch den erwerbslosen ersten 50 Siedlern der „Stadtrandsiedlung“ Sirnau wohl noch geboten hat, die im Frühjahr 1932 mithalfen, ihre staatlich geförderten Häuser zu errichten: Mitten im ergrünenden Neckartal liegt zwischen blühenden Bäumen und vor dem bewaldeten Hang das ummauerte Hofgut mit den mächtigen Bauresten der ehemaligen Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert. Es ist so einsam und wehrhaft wie seit 400 Jahren. Die Felder und Wiesen und die vor den Winden schützenden Pappeln sind auch für den heutigen Spaziergänger noch gut zu sehen, wenn er am Ostrand der Siedlung Sirnau mit der dröhnenden B 10 im Rücken nach Süden schaut und die belebten Straßen rundherum und das Industriegebiet zu seiner Rechten ausblendet, das sich bis nach Deizisau hinzieht. Stille gibt es hier, wie fast überall am mittleren Neckar, kaum mehr, aber immer noch strahlt das Hofgut etwas von seiner vorindustriellen Bedeutung und der längst vergangenen Einsamkeit in der Talaue aus.


Info

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Einkaufstouren. Ein Schaufensterbummel durch Esslingen seit 1948

7. April - 3. November 2019  Stadtmuseum im Gelben Haus 
 
 

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