Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir das Objekt des Monats  im Stadtmuseum im Gelben Haus im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

April 2018

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Die Fähre „Cimbria“: Ein Erinnerungsbild von Paul Hildenbrand
Ende der 1920er Jahre
Öl auf Leinwand, 49,3 x 69,3 cm
(Stadtmuseum Esslingen, STME 002978)


1889 wurde an der Stelle, an der heute die Adenauerbrücke den Neckar überquert, eine Personenfähre eingerichtet. Nun war der Weg von Berkheim durch das Friedenstäle an Hammerschmiede und Schießhaus vorbei hinüber auf die linke Neckarseite nach Oberesslingen sehr viel einfacher und schneller zu bewältigen. Betrieben wurde die Fähre vom Schmiedemeister Christian Zink und ab 1908 vom Mechaniker Robert Baumgärtner.
 
Getauft wurde der von der Esslinger Maschinen- und Metallwarenfabrik Hermann Ulrich gebauten Kahn bedeutungsvoll „Cimbria“. Der Name erinnerte an den HAPAG-Dampfer „Cimbria“, der im Januar 1883 in der Nordsee vor Borkum gesunken war. Damals starben 437 Personen – es war eine der weltweit schlimmsten Schiffskatastrophen des 19. Jahrhunderts.
 
Die 9,85 Meter lange Fähre war an einem quer über den Neckar gespannten Drahtseil mit zwei Ketten beweglich befestigt. Bei genügend Wasserstand wurde sie schräg zur Fließrichtung gelenkt und durch die Geschwindigkeit des Wassers über den Fluss geschoben. Ansonsten zog sie ein moderner Elektromotor an einer Zugkette über den Fluss. Der Motor stand in einem „Turbinenhäuschen“ auf der Berkheimer Seite.
 
Am 28. April 1918 hatte der VfR Esslingen auf den Sirnauer Wiesen um die Fußball-Bezirksmeisterschaft gegen die Spielvereinigung Heilbronn gespielt. Nach dem Abpfiff zog von Westen ein Gewitter auf. Die Zuschauer wollten deshalb schnell nach Hause. Gegen 17 Uhr drängten so viele auf die Cimbria, dass die Fähre völlig überladen war. Statt der erlaubten 32 waren 50 bis 60 Personen auf dem Kahn. Erfolglos versuchte Fährbetreiber Baumgärtner die Menschen zurückzuhalten.
 
Mit einem Ruck setzte sich die Cimbria in Bewegung. Die Eßlinger Zeitung berichtet davon folgendermaßen: „Die Mitte des an dieser Stelle ziemlich tiefen Flusses war jedoch noch nicht erreicht, als das Boot sich infolge der Überlastung auf die Seite neigte und etwas Wasser über Bord kam. Erschreckt drängten die Insassen nach der anderen Seite, was zur Folge hatte, dass diese unter Wasser gedrückt wurde und das ganze Boot schnell sank.“ Dies geschah allerdings nur 2 Meter vom Ufer entfernt und bei einer Wassertiefe von 2 bis 2 ½ Metern. Einige Insassen retteten sich schwimmend, andere wurden von Baumgärtner, Zuschauern und Mitgliedern der Fußballmannschaften gerettet, die schwimmen konnten.
 
Im Laufe des Abends wurden 14 Leichen geborgen, am nächsten Morgen nochmal 7. 21 Tote im Alter von 8 bis 60 Jahren waren zu beklagen, davon 16 unter 21 und 5 über 40 Jahren. Im Altersbereich von 21 bis 39 gab es kein einziges Opfer – diese Altersklasse war damals an der Front. Dass so viele Passagiere umgekommen sind, lag wohl auch daran, dass sie sich viele aneinander klammerten und „auf einem Haufen waren“, wie es in einem Bericht des Oberamtes Esslingen heißt.
 
Zum seit Menschengedenken schwersten Unglück in Esslingen gab es verschiedene Kommentare. Fährbetreiber Baumgärtner wurde vorgeworfen, dass er mit so vielen Menschen hatte übersetzen wollen. Andererseits wurden die Passagiere wegen ihrer Unvernunft kritisiert. Baumgärtner hatte ja vergeblich versucht, die Menge zurückzuhalten. Zum dritten fragte man, ob mangelnde Schwimmkenntnisse für die vielen Opfer verantwortlich seien.
 
Baumgärtner hatte keine zusätzlichen Aufsichtspersonen am Ufer gehabt, was bei erhöhtem Andrang Vorschrift war. Er wurde deswegen verhaftet, hat aber die Fähre nach technischen Veränderungen ab Mitte Mai 1918 noch weitere vier Jahre bis Oktober 1922 betrieben. Bereits 1920 hatte ein hölzerner Fußgängersteg etwas oberhalb ihre Aufgabe übernommen und den Fährbetrieb unrentabel gemacht.
 
Die 1918 technisch veränderte Fähre hat der aus Berkheim stammende Kunstmaler Paul Hildenbrand (1904-71) wohl nach einer fotografischen Vorlage Jahre später gemalt. Sie wird mit stark auskragenden Halterungen an einem Halteseil entlanggeführt und ist im Blick neckaraufwärts mit den Schurwaldhöhen im Hintergrund zu sehen. Links steht die Umlenkrolle für das Zugseil. Die Fähre fährt jetzt als Doppelendfähre nur noch mit dem externen Motor vor- und rückwärts hin und her. Das sommerlich helle, friedvolle Neckartal steht in krassem Gegensatz zur Unglücksgeschichte der „Cimbria“.


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