Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir im Stadtmuseum im Gelben Haus das Objekt des Monats im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

März 2017

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Musik in Zeiten des Krieges:
Kavallerietrompete (deusche Ordonnanz) in Es
Metallblasinstrumentenmacher Franz Schediwy, Ludwigsburg1915L 47,5cm; T 13cm; D 13cm(Privatbesitz)


Die immer noch gut spielbare Kavallerietrompete wurde während des Ersten Weltkrieges vom Esslinger Karl Geisel (1896-1978) gespielt. Hergestellt hat sie die Werkstatt des bekannten Metallblasinstrumentenmachers Franz Schediwy (1851-1933) in Ludwigsburg für das 4. Württembergische Feldartillerieregiment Nr. 65. Die Kordel wurde vermutlich später ergänzt.

Schediwy stammte aus Böhmen und kam in den 1870er Jahren nach Württemberg. Die Firma war königlicher Hoflieferant und belieferte zahlreiche Militärkapellen der württembergischen Armee. Seine berühmten Trompeten, Cornets und Kreuzpistons waren auch außerhalb Deutschlands sehr begehrt.

Mit Hilfe von 43 Signalen übermittelten Kavallerie-Trompeter Befehle an die Truppe. Während des Krieges wurde diese Funktion nach und nach durch Signalpfeifen ersetzt. Musik wurde beim Militär aber nicht nur zur Kommunikation verwendet. Sie diente auch der Repräsentation oder erleichterte die Mühen auf dem Marsch und sorgte für den richtigen Tritt. Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg existierte im Ersten Weltkrieg noch keine musikalische Truppenbetreuung.

Über das Musikleben an der Front ist nur wenig bekannt, da dieses Thema in Briefen und Berichten allenfalls am Rande erwähnt wird. Vermutlich kamen die Soldaten vor allem im religiösen Bereich, z. B. bei Gottesdiensten, mit Musik in Berührung oder sangen Lieder zum Zeitvertreib. Musik hatte für sie wohl vor allem eine psychische Bedeutung: Sie wirkte angst- und spannungslösend, machte Mut, unterstützte das Gemeinschaftsgefühl und erinnerte sie an die glückliche Zeit vor dem Krieg.

In der Heimat hatte Musik ebenfalls große Bedeutung. Doch wirkte sich der Krieg stark auf das Konzertleben aus. Viele Aufführungen hatten auch propagandistische Ziele. Sie wurden nun häufig als „„Vaterländische Abende“ und als Wohltätigkeitsveranstaltungen durchgeführt. Von Seiten der Musikwissenschaft gab es Empfehlungen, welche Stücke für die Konzertprogramme geeignet waren. Kompositionen aus den Ländern der Kriegsgegner waren verpönt. Auch an der Heimatfront diente Musik dem Gemeinschaftsgefühl, außerdem sollte sie den Siegeswillen und die Durchhaltekraft stärken. Sie lenkte die Menschen vom harten Kriegsalltag ab und ließ die erlittenen Opfer erträglicher erscheinen. Gleichzeitig thematisierten viele Musikstücke den möglichen Tod der Soldaten, halfen über Verluste hinweg oder dienten dem Gefallenengedenken.

Wie sich das Musikleben in Esslingen im Krieg veränderte, ist nicht erforscht und nur schwer zu ermessen. In den Protokollbüchern der Esslinger Gesangsvereine im Stadtarchiv finden sich aber doch wertvolle Hinweise. Einige Vereine stellten bei Kriegsbeginn ihre Proben ein und nahmen sie erst im Spätherbst 1914 wieder auf. Viele Sänger wurden eingezogen, so dass die Chöre deutlich kleiner waren. Hemmend wirkte sich auf das Vereinsleben aus, dass das Militär Übungs- oder Konzerträume belegte und der Probenbesuch nachließ, da die in der Heimat verbliebenen Mitglieder häufig in Nachtschichten
arbeiteten. Daher erwog der Arbeitergesangverein „„Neckarlust“ sogar seine Auflösung.

Ein durch den Krieg neu zu ihren Aufgaben gekommenes Tätigkeitsfeld sahen die Vereine im Versand von „„Liebesgaben“ an ihre eingezogenen Mitglieder. Damit versuchten sie, den Kontakt zu ihnen zu halten. Auch deren Familien unterstützten sie. Regelmäßig traten sie jetzt in den Lazaretten der Stadt auf. In der zweiten Kriegshälfte fanden dann aber wieder vermehrt gesellige Veranstaltungen wie Ausflüge statt.

Während des Krieges gab es in Esslingen ein reges Konzertleben mit regelmäßigen Aufführungen der Vereine oder von Militärkapellen. Meist war damit ein wohltätiger Zweck beispielsweise zugunsten der „„Kriegshilfe“ oder der Verwundeten verbunden, die freien Eintritt erhielten. Aufgeführt wurde bei den „„Vaterländische Abenden“ in Esslingen vor allem Musik der klassischen Komponisten, aber auch von heute völlig vergessenen Künstlern. Sehr kriegerisch war die Programmauswahl aber nicht, wenn sich auch häufig der Krieg darin widerspiegelte. Im Vordergrund stand ganz eindeutig unterhaltende oder erhebende Literatur. Vor allem der „„Oratorienverein“ führte weiterhin die großen klassischen Chorwerke wie J. S. Bachs „„Johannespassion“ oder das  Weihnachtsoratorium“ auf. Er brachte im Juni 1915 im Rahmen eines Gefallenengedenkens das „„Deutsche Requiem“ von J. Brahms zu Gehör. Dieses begleitete auch den Übergang zum Frieden. Kurz nach Abschluss des Waffenstillstandes wurde es am Totensonntag 1918 noch einmal aufgeführt.
 


Info

AUFRUF

50er-Jahre Ausstellung

Bald ist es soweit! „Erinnerungen eines Jahrzehnts. Esslingen in den 50er-Jahren“ heißt unsere neue Ausstellung vom 8. April bis 17. September 2017 im Stadtmuseum im Gelben Haus.

Für die Ausstellung suchen wir noch Objekte oder Fotografien aus der amerikanischen Besatzungszeit und von der Aufnahme bzw. Unterbringung der Flüchtlinge und Vertriebenen in Esslingen − u.a. im Flüchtlingslager Schwertmühle.

Wer noch Gegenstände oder Bilder zu diesen Themen hat, darf sich sehr gerne bei uns melden.

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