Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir im Stadtmuseum im Gelben Haus das Objekt des Monats im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

Februar 2017

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Kriegsgefangenschaft: Briefe und Volkszählungsbogen
Papier, beschrieben
1917
(Stadtarchiv Esslingen, Bestand Flottenbund deutscher Frauen/Ortsgruppe Esslingen und Stadtschultheißenamt VII 1 Bü 22)


Der Brief eines deutschen Matrosen aus dem Kriegsgefangenenlager Handforth in England an die Esslinger Ortsgruppe des Flottenbunds deutscher Frauen und ein Volkszählungsbogen aus dem Stadtteil Mettingen von 1917, auf dem in der Spalte „Kriegsgefangene/Militärgefangene“ hinter „Maschinenfabrik“ die Zahl 140 eingetragen ist: Das sind zwei Hinweise auf Kriegsgefangene im Esslinger Stadtarchiv.

Während des Ersten Weltkrieges gerieten acht Millionen Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Sie ausreichend zu versorgen und angemessen unterzubringen, war für alle Kriegsparteien eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Es entstanden viele teilweise improvisierte, teilweise durchstrukturierte Lagerkomplexe, in denen die Gefangenen nach Nationalitäten, militärischem Rang oder Einsatzbereich (z.B. Arbeitslager) untergebracht waren.

Wie viele Männer aus Esslingen in Gefangenschaft gerieten, ist nicht bekannt. 11 in Gefangenenlagern gestorbene Soldaten führt das „Totenbuch“ von 1935 auf. Eine Liste aus Hegensberg vom Januar 1919 nennt acht noch in Lager lebende Soldaten. Über Briefe hielten die Esslinger Kontakt zu den gefangenen Männern, nicht nur zu eigenen Angehörigen. Auch fremde deutsche Kriegsgefangene wurden von zwei Esslinger Frauen-Organisationen mit Briefen und Paketen versorgt. Von der „Feldpoststelle“ des Nationalen Frauenvereins unter Rosa Schimpf in der Friedrichstraße 4 ging die Post seit 1917 fast ausschließlich an Kriegsgefangene. Deutschen Matrosen in britischen Lagern schickte die Esslinger Ortsgruppe des Flottenbundes deutscher Frauen Lebensmittel, Bücher und Geldspenden. Einer davon war Hermann Harke, Unterheizer auf dem U-Boot „U18“, der im Lager Handforth (bei Manchester) interniert war und am 3. Januar 1917 einen Dankesbrief nach Esslingen schrieb: „Eine große Freude bereitete mir Ihr soeben erhaltenes liebes Paket, nebst Karte. (…) Es war mit allem versehen, was sich das Herz eines Gefangenen wünscht.“ Die floskelhafte Formulierung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich viele Gefangene in schlechter seelischer Verfassung befanden. Die Monotonie des Lageralltags, die Ungewissheit, wann sie zurückkehren konnten und die oft starken körperlichen Strapazen durch schlechte Ernährung und Zwangsarbeit führten bei vielen zur so genannten „Stacheldrahtkrankheit“.

Wie ausländische Kriegsgefangene in Esslingen eingesetzt waren, ist ebenfalls kaum bekannt. So berichtete die Esslinger Zeitung 1915 über den Arbeitseinsatz von russischen Kriegsgefangenen beim Bau der Hohenkreuz-Kaserne oder von französischen Soldaten bei Arbeiten zur Landeswasserversorgung bei Rüdern. Erst die Bogen der Volkszählungen von 1916 und 1917 schaffen Klarheit über die Anzahl und über einige Unterbringungsorte von Kriegsgefangenen. 1916 sind 121 Militärgefangene aufgeführt, davon 118 in Mettingen bei der Maschinenfabrik Esslingen (ME), eine Person in Wäldenbronn und zwei in der Königlichen Hofdomäne Weil. 1917 stieg die Zahl auf 174 Kriegsgefangene, 26 waren auf einige Privatadressen in Esslingen verteilt, acht in der Hofdomäne Weil und weitere 140 Gefangene waren in der Rüstungsproduktion der Maschinenfabrik eingesetzt. Sie gehörten einem Arbeitskommando in Stuttgart an, wohnten aber auf dem Gelände der ME. Die Gefangenen waren begehrt, denn die deutsche Wirtschaft brauchte dringend Arbeitskräfte.

Über Versorgungs-, Lebens- und Arbeitsbedingungen der Gefangenen in Esslingen wissen wir nichts. Aber sie ähnelten wohl in vielem anderen deutschen und württembergischen Lagern. So führte eine Hierarchie innerhalb der Kriegsgefangenen nach Nationalität zu ganz unterschiedlichen Lagerbedingungen. Engländer und Franzosen waren privilegiert, u.a. weil sie durch Hilfsorganisationen versorgt wurden, und ihre Regierungen großen Druck auf das Deutsche Reich ausübten. Italienische und russische Gefangene befanden sich ganz unten in der Hierarchie, zum einen weil den russischen Gefangenen eine kulturelle „Minderwertigkeit“ zugeschrieben wurde, aber auch weil sie keinerlei Unterstützung durch ihre Heimatländer hatten. Sie waren deshalb oftmals der Willkür und Misshandlung des Wachpersonals ausgesetzt. An die ausländischen Kriegsgefangenen erinnert heute in Esslingen nichts mehr.


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