Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir im Stadtmuseum im Gelben Haus das Objekt des Monats im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

Dezember 2017

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg


Evangelische Kirche im Krieg: „Weihnachtsfenster“ der Martinskirche Oberesslingen
Käte Schaller-Härlin, Entwurfszeichnung
Tusche auf Glanzpapier, 21x37cm
1917
(Evang. Kirchengemeinde Oberesslingen)


Über der Empore im Westen der 1828 errichteten Martinskirche in Oberesslingen befindet sich das sogenannte „Weihnachtsfenster“. Es stammt aus dem Jahr 1918 und war ursprünglich über der Kanzel eingesetzt. Entworfen hat es die Stuttgarter Künstlerin Käte Schaller-Härlin (1877–1973). Von ihr existieren noch zwei alternative Bildvorschläge in Form von Buntpapiercollagen. Den Entwurf einer Grablege Christi bewahrt das Stadtarchiv Stuttgart. Das Konzept einer Kreuzigungsszene ist Eigentum der Kirchengemeinde Oberesslingen.
 
Käte Schaller-Härlin war eine emanzipierte Frau mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf. Geboren wurde sie im indischen Mangalore als Tochter des Missionars Emmerich Härlin und seiner Frau Anna. 1881 mit der Familie nach Deutschland zurückgekehrt, wuchs sie in Massenbach, Gruibingen und zuletzt Uhlbach auf. Früh entschloss sie sich, Malerin zu werden, besuchte die Städtische Gewerbeschule in Stuttgart und einen Akt-Kurs, den der bekannte Kirchenmaler Rudolf Yelin der Ältere im Württembergischen Malerinnen-Verein gab. 1900 wechselte sie an die Damen-Akademie des Münchener Künstlerinnen-Vereins. (Frauen wurden an den staatlichen Kunstakademien erst einige Jahre später zugelassen). Es folgten Reisen zum Studium der Alten Meister nach Italien und der modernen Kunst nach Paris, wo sie vermutlich Gasthörerin an der Académie Matisse war. Finanziell unterstützten sie zwei Brüder ihrer Mutter. Ihre Reisekasse besserte sie durch den Verkauf von Porträts, Kopien Alter Meister und Entwürfe von Werbegrafiken auf. Zurück in Stuttgart studierte sie im Sommersemester 1909 an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste und hörte die Vorlesungen Adolf Hölzels. Zudem verkehrte sie in Kreisen der künstlerischen Avantgarde und etablierte sich als Porträt- und Kirchenmalerin. 1911 heiratete sie den sechs Jahre jüngeren Stuttgarter Kunsthistoriker Hans Otto Schaller, eine echte Liebesverbindung. 1913 kam eine Tochter zur Welt.
 
Käte Schaller-Härlin war Teil einer Bewegung zur Reform des evangelischen Kirchenbaus. Der Kirchenraum sollte mit Hilfe der Bildenden Kunst veredelt werden. In Projekten mit dem Tübinger Architekten Martin Elsaesser schuf sie sakrale Wandmalereien, gestaltete aber auch Kirchenfenster, so 1907 in Balingen-Engstlatt, 1910 in Baden-Baden Lichtental und 1916 in Oberndorf am Neckar. Schließlich erhielt sie den Auftrag, ein neues Fenster für die Martinskirche in Oberesslingen zu entwerfen.
 
Angestoßen hatte das Oberesslinger Projekt der 1910 verstorbene Oberamtsbaumeister Wilhelm Pfäfflin. Er hatte der Kirchengemeinde 800 Mark für ein gemaltes Kirchenfenster vermacht. Der Kirchengemeinderat wandte sich an Oberkonsistorialrat Johannes von Merz, der dem Christlichen Kunstverein in Stuttgart vorstand. Merz empfahl die 1865 gegründete Stuttgarter Glasmalerei Saile für die Ausführung des Gewerks. Der mit Merz befreundete Rudolf Yelin lieferte einen ersten, heute verlorenen Entwurf.
 
Weil Yelins Vorschlag nicht überzeugte, bat man Käte Schaller-Härlin um ein Konzept. Nach dem Kriegstod ihres Mannes am 3. April 1917 vor Ypern war sie als alleinerziehende Witwe für neue Aufträge dankbar. 1917 legte sie ihren Kreuzigungsentwurf vor, 1918 den Vorschlag einer Grablege Christi. Sie dürfte diese Motive gewählt haben, um einen Bezug zum Kruzifix über dem Altar herzustellen. Offenbar „funktionierte“ die Bildidee aber nicht. So entwarf Schaller-Härlin zuletzt das im Herbst 1918 von der Firma Saile eingebaute Weihnachtsfenster. Es zeigt die Geburt Jesu, die Anbetung des Kindes, den Kindermord von Bethlehem und die Flucht nach Ägypten. Die Gesamtkosten betrugen 1300 Mark. 300 Mark erhielt die Künstlerin.
 
Käte Schaller-Härlin wurde 95 Jahre alt. Sie blieb zeitlebens eine äußerst eigenwillige, markante Persönlichkeit der Stuttgarter Kunstszene. Viele Prominente ließen sich von ihr porträtieren – darunter 1924 Theodor Heuss, mit dem sie viele Jahre befreundet war. Die Künstlerin gestaltete auch weiterhin Fenster für Kirchenräume. Ihre letzten Kirchenfenster schuf sie 1956 mit fast 80 Jahren für die Kirche ihres Wohnortes Stuttgart-Rotenberg.


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