Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir im Stadtmuseum im Gelben Haus das Objekt des Monats im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

Juni 2017

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Papierkrieg:
Maschinenschriftliche Feldpostkarte aus Esslingen
19179 x 14,1cm(Stadtarchiv Esslingen, Pk 2911)

Der Erste Weltkrieg wäre ohne die immer wichtiger werdende Bürokratie undenkbar gewesen. Die „Waffe“ der Verwaltung war die Schreibmaschine. Seit den 1890er Jahren hatte die Schreibmaschine zunächst in den USA, dann weltweit immer mehr Verwendung in Verwaltung und Wirtschaft gefunden. Ihr Einsatz hatte vor dem Ersten Weltkrieg zu großen Effizienzsteigerungen geführt. Die männlichen Schreiber in den Betrieben wurden allmählich durch die Schreibmaschinenschreiberinnen verdrängt. Auch das deutsche Militär übernahm das neue Schreibmittel im Lauf der Zeit. Zum Lärm des Ersten Weltkriegs gehörte das Geklapper der Schreimaschinen genauso wie das Geknatter der Maschinengewehre. Beim Militär wuchs sich ihr Einsatz zum sprichwörtlichen „Papierkrieg“ aus. Massenhaftes Sterben und massenhaftes Verwalten von Material und Vorhalten von „Kanonenfutter“ bedingten sich wechselseitig. Das Individuum, das sich in den Materialschlachten verlor, hinterließ höchstens noch Spuren in den Aktenbergen des „Papierkrieges“.

Die Kriegsakten, die die deutschen Einheiten zu führen hatten, schwollen im Verlauf des Krieges immer mehr an. Unter einem Betreff im Kriegsjahr 1917 war mindestens die zehnfache Menge dessen – wenn nicht noch viel mehr – an Papier abgelegt wie 1915. Und diese Akten waren bereits zum größten Teil mit der Maschine geschrieben.

Man schätzt, dass während des Ersten Weltkrieges 28 Milliarden Sendungen von Feldpost verschickt wurden. Die Briefe und Karten wurden damals noch von Hand geschrieben. Aus Esslingen liegt nun eine seltene private, unscheinbare Feldpostkarte vor, die mit der Schreibmaschine beschrieben wurde. Der Absender schreibt als Angehöriger des in Esslingen garnisonierten Ersatzbataillons 246 an seine Mutter. Er verweist darauf, dass er die Karte auch als Übung im Maschineschreiben verfasst habe. Die Karte ist so nebenbei Dokument militärischer Ausbildung. Über den Absender der Karte ist bis auf den Eintrag in der Stammrolle seines Regiments nichts Weiteres bekannt. Der Musketier Wilhelm Adolf Braun (geb. 1898) stammte aus Besigheim am Neckar und war „Notariatskandidat“. Am 22. Januar 1917 wurde er einberufen. Später scheint er zu den Scheinwerfern gekommen zu sein und hat den Ersten Weltkrieg offenbar überlebt. Sein Name taucht weder in den Verlustverzeichnissen seines Regiments auf noch in der aktuellen Datenbank des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Bei der Postkarte handelt es sich um eine vorgedruckte „Feldpostkarte“. Hier mussten nur noch die Absenderangaben zu den verschiedenen Einheiten und Waffengattungen eingetragen werden. Die Organisation von Heer in Armeekorps, Division und Regiment wird hier ebenso deutlich wie die Gliederung der Marine in Schiff und Geschwader. Der Stempel weist als Ort der Postaufgabe Esslingen aus. Die Karte ist auf den 2. Juli 1917 datiert.

Dokumentiert wird der erste Tag im Dienst nach dem Urlaub. Dies ist meist ein unangenehmes Datum. Das Wecken in aller Herrgottsfrühe, wie hier erwähnt um vier Uhr morgens, ist ein beliebtes militärisches Erziehungsmittel. Ordonanzdienst meint die Unterstützung von Vorgesetzten, indem man etwa schriftliche oder mündliche Befehle verteilt oder bekannt macht.

Mit dem Absender „Pliensauschule“ wird deutlich, dass das Militär die Schulen als Ersatzkasernen in Beschlag genommen hat. Hier waren vor der Fertigstellung der Kaserne seit März 1916 etwa 500 Mann des Ersatzbataillons des 246er-Regimentes untergebracht. Das im September 1914 aufgestellte Reserve-Infanterie-Regiment 246 war im Herbst bei Becelaere in Flandern aufgerieben worden; sein Ersatzbataillon wurde am 22. April 1915 in Esslingen aufgestellt. Im Laufe des Krieges wuchs die Einheit wegen des ständig größer werdenden Bedarfs an Soldaten immer weiter an.

Der im Ersten Weltkrieg vermehrte Einsatz von Schreibmaschinen setzte sich in den 1920er Jahren fort – bis sie am Ende des Jahrhunderts durch Computer ersetzt wurden. Ihre Nutzung in heutiger Zeit, etwa beim russischen Geheimdienst, wo besonders geheime Schriftsätze nur auf Schreibmaschine geschrieben werden dürfen, beruht auf ihrer Fähigkeit, ohne jede elektronische Vernetzung individuelle Texte zu ermöglichen. Ein Schreibmaschinenblatt erhält damit heute die Qualität von handschriftlichen Zeugnissen der Vergangenheit.
 


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