Objekt des Monats

Januar 2020

Eduard August Schliecker:
Marktplatz in Esslingen
Öl auf Leinwand
1860er Jahre
 
(Stadtmuseum im Gelben Haus STME 006853)

Bis heute gehören das Alte Rathaus in Esslingen und der Platz davor zu den attraktivsten Situationen in der Esslinger Altstadt. Als der Hamburger August Schliecker (1833-1911) in seinen dreißiger Jahren nach einem Kunststudium an den Akademien in Düsseldorf und München die Szenerie malte, war er mit seinem liebevollen Blick auf eine gute alte vorindustrielle Idylle ganz auf der Höhe des damaligen spätromantischen Lebensgefühls.  Das 2019 vom Geschichts- und Altertumsverein aus österreichischem Privatbesitz erworbene Bild stellt insofern eine echte Neuigkeit dar, als es seit seiner Entstehung vor 150 Jahren nie öffentlich bemerkt oder beschrieben worden ist und in allen einschlägigen Verzeichnissen fehlt.

Die Blickrichtung, die Schliecker für den ehemaligen Marktplatz wählte, ist die bis heute beliebteste, nämlich der Blick auf das Alte Rathaus aus der Perspektive des Neuen Rathauses. So sieht man das hohe und freistehende Gebäude mit der Renaissancefassade von Heinrich Schickhardt aus dem späten 16. Jahrhundert als mächtigen und platzbeherrschenden Bau, dem sich die Häuserzeilen rechts und links deutlich unterordnen. Es ist eine morgendliche Stimmung, in der die Sonne dennoch bereits recht hoch von Osten her quer über den Platz auf die Häuser auf der Westseite scheint und sie regelrecht aufleuchten lässt. Die Rathausfassade bleibt dahingegen im graubraunen Dunkeln. Auch wenn ihre Farbe nicht klar erkennbar ist, sieht man dennoch, dass das Fachwerk der oberen Stockwerke bereits verputzt ist. Der Reichsadler und die astronomische Uhr darunter, die bis ins 19. Jahrhundert hinein die einzige öffentliche Esslinger Uhr gewesen ist, künden von einstigem reichsstädtischen Reichtum und Größe.

Das zierliche Giebeltürmchen ist nur mit den Stundenglocken ausgestattet und noch ohne das Glockenspiel, das erst ab 1926 dort eingerichtet worden ist und heute fünfmal am Tag erklingt.
Die lebendige Aktualität zeigt sich vor dem damaligen Marktbrunnen, einem Vier-Röhren-Brunnen mit abgetrepptem Brunnenstock, der von einer Amphore bekrönt ist. Hier spielt sich ein fast südländisch anmutendes Marktgeschehen ab, das von Schliecker durch Farbigkeit, intensive Sonneneinstrahlung und starken Kontrast ins rechte Licht gerückt wird. Diese fast biedermeierlich anmutende Situation hat er ganz minutiös und liebevoll mit feinstem Strich gemalt Sie lässt nichts davon ahnen, dass Esslingen eine boomende und rasch wachsende Industriestadt ist, in der die Schornsteine rauchen und nicht einmal einen Kilometer entfernt in der Maschinenfabrik Esslingen gleichzeitig im großen Stil Lokomotiven für Europa und darüber hinaus gebaut werden.

Farbigkeit und Lichtführung deuten an, dass es Schliecker nicht um die Dokumentation des Esslinger Baubestandes geht. Er leistet sich durchaus Freiheiten, die den Kennern des Platzes schnell auffallen. So sind etwa die Giebel der Apothekengebäude links frei barockisiert. Diese wirken dadurch fast wie hanseatische Kaufmannshäuser. Dahinter, Richtung Hafenmarkt, verliert sich die Bebauung vollständig in einer äußerst dunklen Unklarheit.

August Schliecker, der ab 1863 seine Heimatstadt Hamburg nur zu Studienreisen unter anderem nach Süddeutschland und die Schweiz verlassen hat, war in seinem Schaffen vor allem auf stimmungsvolle Nacht- und Winterbilder spezialisiert. Seine manchmal ein wenig an Carl Spitzwegs Idyllen erinnernden Szenerien beziehen gerne auch Architekturmotive mit ein.
Schlieckers eigentliches Thema des Gemäldes ist nicht die naturgetreue Abbildung der Gebäude des Esslinger Rathausplatzes in den 1860er Jahren, sondern das idyllische Markttreiben in dieser damals schon als altertümlich empfundenen Kulisse. Ihn interessieren die das Gemüse oder Obst beurteilenden, kritischen, feilschenden, fragenden Frauen, der Fuhrmannswagen und der ältere, schwarz gekleidete, auf den Betrachter zugehende Herr mit Zylinderhut. Diese provinzstädtische Szenerie ist umgeben von ganz vielen Details, die dazu verleiten, dass man mit den Augen über das Bild spazieren und immer Neues entdecken kann: etwa die weißen Tauben über dem Platz und ihren Taubenschlag rechts oben auf dem Dach. Oder auch den Blumenschmuck an den Fenstern rechts. Es ist ein verklärter Blick aus dem neuen Industriezeitalter auf eine gute alte Zeit.


Info

Wechselausstellungen

Mechanische Tierwelt

Plakat der Ausstellung "Mechanische Tierwelt" mit einem Foto eines alten Blechspielzeugs, einem Affen

1. Dezember 2019 - 1. März 2020  Stadtmuseum im Gelben Haus
 

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Plakat des Projektes "Viele Teile, eine Stadt" mit einem schematischen Stadtplan mit eingezeichneten Stadtteilen

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