Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir im Stadtmuseum im Gelben Haus das Objekt des Monats im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

Oktober 2017

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Reformationsjubiläum 1917: Aufruf zur „Reformationsdank-Spende“.
Gedruckte Anzeige im „Eßlinger Tagblatt“
10. November 1917
(Stadtarchiv Esslingen)


Die „Jubel-Feier“ zum 400jährigen Jahrestag der Reformation war ein großes Medienereignis: Bücher, Broschüren, Zeitungsartikel, Magazine, Postkarten, Flugblätter und Gedenkmünzen präsentierten Luther als „deutschen Helden“ und Vorkämpfer der Nation in einer Welt von Feinden. Diese Sichtweise behauptete das Feld aber nicht unangefochten. Prominente Theologen warnten vor einer Überbetonung des Nationalen: der universelle religiöse Gehalt von Luthers Botschaft dürfe nicht vergessen werden.
 
Die kirchlichen Feiern selbst fielen 1917 verhalten aus. Kriegsbedingt hatte der Deutsche Evangelische Kirchenausschuss, der Vorgänger der EKD, 1916 erwogen, die Jubiläums-Feierlichkeiten auf 1918 oder 1921 zu verschieben. Letztlich fiel die Entscheidung aber für ein bewusst zurückhaltend angelegtes Jubiläumsprogramm ohne zentrale nationale Feier. Federführend waren die einzelnen Landeskirchen.
 
In Esslingen orientierte sich das Programm exakt an den Vorgaben der württembergischen Kirchenleitung, des Konsistoriums in Stuttgart. Am Reformationstag selbst, dem 31. Oktober, fand morgens eine Reformationsfeier für die Esslinger Schülerinnen und Schüler statt. (Der Tag fiel auf einen Mittwoch und war zum Feiertag erklärt worden). Abends wurden Gottesdienste gehalten. Der folgende Sonntag, traditionell der eigentliche kirchliche Festtag des Reformationsgedenkens, wurde mit Gottesdiensten begangen. Der liturgisch aufwendig gestaltete Hauptgottesdienst mit Abendmahlsfeier begann um 9.30 Uhr in der Stadtkirche. In den nächsten Tagen und Wochen folgten Reformations-Feiern des CVJM, der Jung-Mädchen-Vereine und drei Vorträge. Besondere Konzerte, Straßenumzüge oder Illuminationen fanden nicht statt – anders als bei früheren Reformations-Jubiläen, den Feiern zu Luthers 400. Geburtstag 1883 oder dem Fest zum 400. Jahrestag der Esslinger Reformation 1932.
 
Ob solcher Kargheit dürfte den Leserinnen und Lesern der Esslinger Zeitungen eine Serie großformatiger Anzeigen ins Auge gesprungen sein. Eine davon, die Annonce aus dem Eßlinger Tagblatt vom 10. November 1917, ist unser Objekt des Monats. Mit den Anzeigen warb der Evangelische Pressverband für Deutschland im Oktober, November und Dezember 1917 für eine „Reformationsdank-Spende“ zugunsten einer Modernisierung der evangelischen Pressearbeit. Die „evangelischen Volksgenossen“ sollten mit ihren Spenden dazu beitragen, dass „die evangelische Welt- und Lebensanschauung viel mehr als bisher in das Volksleben hineingetragen“ sowie die „großen Volksnöte und Volksgefahren“ künftig wirkungsvoller bekämpft werden könnten. Konkret war diese Bestimmungsangabe wahrlich nicht! Die Spenden-Kampagne stützte sich auf lokale Komitees und erbrachte im Dekanat Esslingen 15.000 Mark, was etwa den Jahresgehältern von drei Stadtpfarrern entsprach. Am Ende waren die Geld-Gaben der „Volksgenossen“ freilich verloren. Sie wurden in Kriegsanleihen angelegt, die mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und der folgenden Hyperinflation wertlos waren.
 
Wir wissen nicht, was zum Reformationsfest 1917 von den Esslinger Kanzeln verkündet wurde. Keiner der örtlichen Pfarrer hat seine Predigt in Druck gegeben. Die Lokalpresse meldete gut besuchte Kirchen, schwieg sich aber über die Gottesdienste selbst aus. Von der örtlichen Feier zu Hindenburgs 70. Geburtstag am 2. Oktober 1917 hatte man engagierter berichtet. Immerhin besitzen wir zwei Luther-Artikel, die in Esslingen zum Reformationsjubiläum erschienen.
 
Am 30. Oktober 1917 veröffentlichte das Eßlinger Tagblatt den Beitrag „Zum 31. Oktober!“ des Ludwigsburger Generalsuperintendenten Wilhelm August von Stahlecker. (Esslingen gehörte zu Stahleckers Amtssprengel). Der Prälat ging zunächst auf den Historiker- und Theologen-Streit über die Frage ein, ob Luther überhaupt als Mann der Neuzeit anzusehen sei oder eher ins Mittelalter gehöre. Dann würdigte er Luther stramm als „kerndeutschen Mann“, „Sänger“ und „Held“. Stahlecker brachte nationalreligiöse Töne zum Klingen. Immerhin verzichtete er auf Ausfälle gegen innere oder äußere Feinde. Aktuell sei Luther vor allem als nationale Integrationsfigur wichtig.
 
Der zweite Artikel, „Luther der Mann des Glaubens“, eröffnete die November-Ausgabe des Evangelischen Gemeindeblatts Esslingen. Verfasser war der Tübinger Professor für Praktische Theologie Paul von Wurster, ein pietistisch geprägter, sozial engagierter Konservativer und ehemaliger Pfarrer. Wurster schrieb im Predigtstil und stellte ganz auf die religiöse Aktualität von Luthers Frage ab: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Alles Streben nach Recht und Macht – auch als Volk – habe vor dieser Frage zurückzutreten.
 
Wursters und Stahleckers Artikel führen lokal vor Augen, dass sich das Reformationsgedenken von 1917 inhaltlich nicht auf einen Nenner herunterbrechen lässt. Wie weit die protestantische Kirche ihre Schäfchen noch erreichte, wissen wir nicht. Eine ruhige, religiöse Ansprache dürfte der erschöpften Bevölkerung aber entgegengekommen sein. Auf allzu martialische Töne zu verzichten, hatte außerdem den Vorteil, Sozialdemokraten und Katholiken nicht zu provozieren. Das hatte in der innenpolitisch angespannten Lage vom Sommer und Herbst 1917 Gewicht.


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ProtEStantisch!?

Esslingens Weg zur neuen Lehre 1517–1555

bis 12. November 2017

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