Objekt des Monats

April 2020

Karte des Landkreises Esslingen
Papier, 38 x 42cm
1943

(STME 005910)

Das Bild zeigt das aufgefaltete Kartenblatt, eingezeichnet der Landkreis Esslingen. Am oberen Rand die beiden im Text erwähnten Stempel.

Die unbenutzte Karte zeigt den Landkreis Esslingen in den Grenzen der Kreisreform von 1938.  Allerdings schließt er in dieser Neuauflage von 1943 noch die 1942 nach Stuttgart eingemeindeten Ortschaften Plieningen und Birkach ein. Oberhalb des Kartenbildes finden sich zwei Stempel. Der linke runde Parteistempel weist in der Umschrift auf den „Marinesturm 3/18“ der „SA der N.S.D.A.P.“ in Esslingen hin. In der rechten Hälfte befindet sich ein Stempel „Deutscher Volkssturm/Batl. Hindenburg/3. Komp.“ Kompanieführer Emil Herdter hatte sie im Frühjahr 1945 an die Angehörigen seiner Einheit ausgegeben. Bataillonskommandeur war der Industrielle Eugen Wagner. Gerade Angehörige dieser Volkssturmeinheit spielten durch ihr besonnenes Handeln in den letzten Kriegstagen und bei der Übergabe der Stadt an die Amerikaner am 21./22. April 1945 eine wichtige Rolle.
 
Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. bzw. 9. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Doch nachdem die alliierten Truppen im Oktober 1944 in Ost und West erstmals die Reichsgrenze überschritten hatten, war je nach Verlauf der Kampfhandlungen der Krieg für die Bevölkerung nach und nach zu Ende gegangen. Dabei unterschieden sich die Erfahrungen der Menschen ganz erheblich, je nachdem ob sie im Osten oder Westen des Reiches lebten und wie die Kämpfe und Besatzung verliefen. Erstaunlich ist allerdings, dass die Strukturen des NS-Staates in der Regel bis kurz vor Ende der Kämpfe weitgehend reibungslos funktionierten. Das bedeutet aber auch, dass auch Terror und Morden vielerorts ebenfalls erst unmittelbar vor der Besetzung endeten.
 
Als „letztes Aufgebot“ zur Verteidigung gegen die anrückenden Gegner hatten die Machthaber im Herbst 1944 auf der Grundlage eines Führerlasses den „Deutschen Volkssturm“ aufgerufen. Dieser umfasste „alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren“.  Allerdings war der militärische Wert dieser Einheiten angesichts ihrer mangelhaften Ausrüstung und  Ausbildung nur gering und oft fanden ihre Angehörigen in aussichtslosen Kampfhandlungen einen sinnlosen Tod.
 
Im Herbst 1944 wurde auch in Württemberg der „Volkssturm“ aufgerufen. Im Kreis Esslingen gab es insgesamt 21 Volkssturmbataillone, davon mehrere in Esslingen selbst. Vermutlich gab es in jedem „Ortsgruppenbezirk“ eine. Die Volkssturmmänner sollten gemeinsam mit der Wehrmacht kämpfen, waren aber zunächst beim Bau von Verteidigungsstellungen und insgesamt 14 Panzersperren im Stadtgebiet eingesetzt. Jüngere Volkssturmmänner aus Esslingen kamen auch außerhalb der Stadt im Westen zwischen Schwarzwald und Stuttgart zum Einsatz.
 
Wie fast überall so war auch in Esslingen die NSDAP bis wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner bestrebt, dass der Volkssturm seine ihm zugedachte Aufgabe erfüllte. In der Nacht zum 22. April 1945 bezog er daher auf Weisung der Kreisleitung seine Stellungen gegen die anrückenden feindlichen Truppen und suchte teilweise sogar Feindberührung. Beim anschließenden Rückzug gerieten die meisten Volkssturmmänner dann in Kriegsgefangenschaft. Um 2 Uhr morgens des 22. April 1945 ordnete Kreisleiter Wahler die Auflösung des Volkssturmes an. Allerdings hatten sich die meisten Einheiten schon zuvor aufgelöst.
 
Eugen Wagner vom „Hindenburg-Bataillon“ versuchte nach zeitgenössischen Berichten die Anordnungen der Kreisleitung zu umgehen und den Einfluss der Partei möglichst gering zu halten. Das Bataillon verfügte demnach über keine Waffen, errichtete keine Panzersperren und übte sich nicht in der Verteidigung. Bei seiner letzten Zusammenkunft am Abend des 21. April habe Wagner seine Leute ermahnt, dass man angesichts der sich auflösenden Ordnung zusammenhalten müsse und es wichtig sei, die Zwangsarbeiterlager ordnungsgemäß zu übergeben, da er Ausschreitungen der Befreiten befürchtete. Eine Verteidigung der Stadt hat er demnach bereits zuvor, ebenso wie die Zerstörung wichtiger Einrichtungen und Industrieanlagen abgelehnt. Damit ging er ein nicht unerhebliches Risiko ein, noch in letzter Minute mit Parteistellen in für ihn möglicherweise lebensgefährliche Konflikte zu geraten


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