Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir das Objekt des Monats  im Stadtmuseum im Gelben Haus im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

Oktober 2018

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Angst! Munitionsverpackungen aus dem Hengstenberg-Areal 1918/19
Vier Kartons, Pappe, 30 × 9 × 13 cm mit Tragegurten aus Jute, 39 Schachteln Pappe 8,8 × 6,4 × 2,9 cm, vier Gurte Baumwolle 120 × 9 cm
(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006472)

Am 28. Mai 2015 wurde die Esslinger Polizei über einen Munitionsfund im Keller der ehemaligen Hengstenberg-Villa auf dem Firmengelände an der Mettingerstraße informiert. Bei Sanierungsarbeiten war ein Hohlraum freigelegt worden, in dem 1,8 Tonnen Militärmunition aus der Zeit des Ersten Weltkrieges gelagert waren: ca. 60.000 Gewehrpatronen des Kalibers 7,92 x 57 mm, verpackt in Schachteln und Patronentragegurten, die noch in ihren „Packhülsen“, den Original-Tragekartons der Hersteller, der Polte Maschinenfabrik AG Magdeburg und der Munitions- und Pulverfabrik Dachau, steckten.
 
Vier Munitionskartons, 39 Patronenschachteln und vier Patronentragegurte – ohne ihren todbringenden Inhalt! – wurden dem Stadtarchiv übergeben. Die Kartons besitzen eine Trageschlaufe aus grober Jute. Sie tragen Aufkleber mit Kürzeln: „Patr. S (Rille)“ steht für die 1903 als Standardpatrone für Gewehre und Maschinengewehre des Reichsheeres eingeführte „Patrone S“. Der Zusatz „Rille“ verweist auf die seit 1915 gefertigte Version, bei der eine umlaufende Rille am Geschoss ermöglichte, Geschoss und Hülse stabiler zu verbinden. „Pmf“ ist das Herstellerkürzel der 1916 bis 1924 bestehenden Munitions- und Pulverfabrik Dachau. Die Datierungen „19.9.17“ und „29.8.1918“ zeigen das Produktionsdatum an. Drei Kartons tragen zusätzlich die Aufschrift: „Nur als Übungsmunition in der Heimat verwendbar“. Sie dürften „Schlachtfeldmunition“ enthalten haben, Patronen, die aus dem Frontbereich stammten. Bei ihnen befürchtete man eine geringere Zuverlässigkeit aufgrund zeitweise unsachgemäßer Lagerung. Die mittlerweile ans Stadtmuseum übergebenen Patronenschachteln sind ebenfalls gekennzeichnet, etwa mit den Produktionsdaten September 1917, August 1918 und Oktober 1919. Die Schachteln waren eine jüngere Verpackungsform. Ursprünglich wurde die Munition in Patronentragegurten ins Feld geliefert. Aus grauem Baumwollgewebe gefertigt bot jeder Gurt 14 Taschen, die je einen Ladestreifen von fünf Patronen aufnahmen. Leere Gurte sollten eingesammelt und zur neuen Befüllung in die Heimat geschickt werden. Wegen Baumwollknappheit wurden die Gurte im Kriegsverlauf mehr und mehr durch Schachteln ersetzt.
 
Wann, warum und wie die Munition an ihren Fundort gelangt ist, ließ sich nicht ermitteln – trotz Unterstützung durch die Familie Hengstenberg und ihr Firmen-archiv. Rüstete man sich am Kriegsende für einen Bürgerkrieg, zumindest für Zeiten des Chaos und der Anarchie? Mit Blick auf den konkreten Fall bleibt viel Raum für Spekulation. Aus einer weiter gefassten Perspektive ist der Munitionsfund ein guter Ausgangspunkt, um den Zusammenhang von Ängsten und Gewaltbereitschaft im Umbruch vom Kaiserreich zur Weimarer Republik zu verfolgen.
 
Aus Sicht der weit überwiegend national-konservativ eingestellten „besseren Kreise“ war die Fallhöhe des Reiches im Herbst und Winter 1918 fürchterlich. In Armee und Gesellschaft zeigten sich Auflösungserscheinungen. Bei Kriegsende bewegten sich bis zu einer Million Deserteure durchs Land. 1,9 Millionen Gewehre, 8.500 Maschinengewehre und 400 leichte Mörser kamen dem Militär bis Jahresende 1918 „abhanden“. Im Alltag hatten Erschöpfung, Hunger und Schwarzmarkt schon längst zu einer Erosion dessen geführt, was als „Sitte und Anstand“ galt. Die Eßlinger Zeitung berichtete im gesamten Jahr 1918 auffallend häufig über Gewalttätigkeiten, Krawalle und eine Zunahme der Kriminalität. Alptraum der Konservativen war eine bolschewistische Revolution. Sie fürchteten um Besitz und Leben und machten die Linke für Deutschlands Niederlage verantwortlich. Und noch eine weitere Bedrohung lastete auf den Gemütern: die Spanische Grippe. Traueranzeigen für ihre Opfer füllten im Herbst und Winter 1918 an manchen Tagen ganze Seiten der Eßlinger Zeitung.
 
Zwar verlief die Novemberrevolution tatsächlich fast ohne Gewalttaten und „biederer“ als erwartet. Mit der Weimarer Republik stabilisierte sich zugleich die bürgerliche Gesellschaft. Aber dennoch hielten die aristokratischen und großbürgerlichen Kreise an ihrem national-chauvinistischen Stolz und ihrem Herrschaftsanspruch fest.


Info

Wechselausstellungen

Von hier nach dort

Mitmachausstellung für die ganze Familie über Orientierung, Unterwegssein und Ankommen im Museum im Schwörhaus - Wechselausstellungen J. F. Schreiber-Museum

Verlängert bis 28. Oktober 2018
 

Ausstellungs-Info

Neuer Weg ins J. F. Schreiber-Museum ab 27. August

Ab 27. August verändert sich der Weg ins J. F. Schreiber-Museum im Salemer Pfleghof: Wegen der Baustelle an der Brücke Augustiner-/Geiselbachstraße wird dann die Unterführung am Salemer Pfleghof geschlossen. Die Unterführung beim Neuen Rathaus ist wieder zugänglich. Wir bitten Sie, der Beschilderung „Frauenkirche / Untere Beutau“ zu folgen.

Bitte verwenden Sie für Anfragen per Email bis auf Weiteres nur die Adresse: museen@esslingen.de

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52x-Archiv 1.010