Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir im Stadtmuseum im Gelben Haus das Objekt des Monats im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

April 2017

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Metallsammlung: Abendsmahlskelch aus Zinn
Johann Friedrich Wagner, Esslingen 1749-1781
Englisches Blockzinn
H. 27, D. 12,4 cm
(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 001246)


Der Erste Weltkrieg wurde mit einem bis dahin beispiellosen Einsatz an Material bestritten. Der entscheidende Faktor für Sieg oder Niederlage war der Nachschub von Waffen und Munition. Der Zugang zu den Weltmärkten und Weltmeeren wurde den Mittelmächten durch Fronten und die maritime Überlegenheit der Alliierten blockiert. Damit war der kriegswichtige Import des Sprengstoffrohmaterials Salpeter, von Baumwolle und verschiedenen Buntmetallen fast unmöglich.
 
Diese waren besonders knapp und wurden durchgängig gesammelt. Kupfer, Nickel, Zinn, Aluminium, Antimon und Hartblei waren auch in Legierungen ab 1915 meldepflichtig und galten als beschlagnahmt. Das waren Materialvorräte der Industrie, bronzene Denkmäler, Glocken, aber auch Kupferdächer. Die Städtische Metallsammelstelle in Esslingen war am Markt 25/26 im Gebäude der Alten Lateinschule, der heutigen Stadtkämmerei in der Abt-Fulrad-Straße 3.
 
Der Oberlehrer der Evangelischen Knabenschule Christoph Klöpfer berichtet von den Buntmetallsammlungen der Esslinger Schüler, die von Messing-Türklinken und Klavierleuchtern bis zu kupfernen Herdschiffen und Gugelhupfformen alles ablieferten. Und Hauptlehrer Christian Seeger von der Evangelischen Mädchenschule ergänzt, dass die Esslinger Schüler im Jahr 1915 fast 55 Tonnen Metall und 1916 45 Tonnen Metall gesammelt haben. Allein von der Schelztor-Oberrealschule wurde im Krieg für 40.000 Mark Gold abgeliefert, es wurden 126 kg „Sparmetalle“ gesammelt, 6.700 kg Papier, 792 Bücher, 334 Hüte, 87 kg Obstkerne, 11 kg Sonnenblumenkerne, 343 kg Bucheckern, 574 kg Frauenhaare und Brennnesseln, 50 kg Quecken und 8.600 kg Laub als Einstreu fürs Vieh.
 
Oft sollten auch künstlerisch oder historisch wertvolle Metallgegenstände eingeschmolzen werden. Diese konnten zum Teil gerettet werden. So wurden auch einige Zinngegenstände nach der Zinnbeschlagnahmung vom 11. Januar 1917 vom Altertumsverein eingetauscht. Dazu gehört vor allem ein Abendmahlskelch, den der aus Halberstadt gebürtige Esslinger Meister Johann Friedrich Wagner zwischen 1749 und 1781 aus reinem englischen Blockzinn ohne die übliche Zumischung von Blei verfertigt hat. Für das Kultgefäß kam offenbar nur beste und teure Rohware zum Einsatz. An seinem beachtlichen Fassungsvermögen von einem Dreiviertelliter Wein ist dieser barocke Kelch als protestantischer Abendmahlskelch zu erkennen. Bei den Katholiken sind die Kelche deutlich kleiner, weil ja nur der Geistliche einen Schluck aus ihnen trinkt.
 
Ab dem 1.März 1917 gelten reichsweit alle Glocken mit mehr als 20 kg Gewicht als beschlagnahmt und werden in 3 Kategorien eingeteilt. Kategorie A ist sofort einzuschmelzen, Kategorie B (besonderer künstlerischer oder historischer Wert) wird vorerst zurückgestellt, Kategorie C (vor 1770 gegossen) ist vom Einschmelzen befreit. Jede Kirche darf nur eine einzige „Läuteglocke“ zurückhalten, in der Regel die kleinste. Insgesamt sind in Esslingen mindestens 12 Kirchenglocken abgeliefert worden: je zwei aus der Frauenkirche, aus St. Bernhardt und aus Oberesslingen, je eine aus der Ostkirche (heute: Johanneskirche), der Friedenskirche, aus Mettingen und Sulzgries sowie eine neue Glocke, die noch gar nicht aufgehängt war. Als letzte wurde am 21. August 1918 die mächtige, 900 kg schwere Vaterunser-Glocke der Stadtkirche abgenommen. Sie konnte vor Kriegsende nicht mehr eingeschmolzen werden, wurde nach dem Krieg zurückerworben und neu aufgehängt. Reichsweit wurden etwa 65.000 Glocken eingeschmolzen; das bedeutet im Schnitt pro 1.000 Einwohner eine Glocke.
 
Man sammelte nicht nur Metalle. Leder wurde im Heer für Pferdegeschirr und Stiefel benötigt, die Marine brauchte Dichtungen und Dichtungsringe: Langes Frauenhaar ersetzte hier den Hanf. Textilien wurden immer knapper, da Wolle und Baumwolle fast nicht zu beschaffen waren. Bei Merkel & Kienlin und der Württembergischen Baumwollspinnerei und Weberei verarbeitete man deswegen Papierfasern. Die Materialnot steigerte sich immer weiter, und in den letzten Kriegsmonaten sammelte man praktisch alles.
 
Indem sie sich selbst ausplünderte, wollte die Heimatfront die Angehörigen im Kriegseinsatz, aber auch die Kriegsführung insgesamt unterstützen. Die Menschen glaubten, ihren Teil an einem großen Verteidigungskampf zu leisten. Das ließ sie eine vierjährige Dauernotlage ertragen, die unter anderen Umständen leicht zu Widerstand und Rebellion hätte führen können. Insgesamt konnte aber auch der gewaltige Kraftakt der Materialsammlungen den ungeheuren Materialbedarf der Kriegsführung nicht befriedigen.


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