Objekt des Monats

Februar 2019


Friedrich Wilhelm Spahr:
Silberbelegte Glaskaraffe
Spahr & Co. Silberbelagwaren-Fabrik, Schwäbisch Gmünd
um 1955

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005866)

 

Fotografie: Michael Saile

Eine kleine grünliche Glaskaraffe, im Corpus weit ausladend und mit geschwungenen Silberstreifen verziert. Wahrscheinlich für ein Achtel Liter Hochprozentiges.
 
Die nur 11,5 cm hohe Likörkaraffe mit dem eingeschliffenen Glasstöpsel ist von acht s-förmig geschwungenen und asymetrisch geteilten an- und abschwellenden Silberbändern umschlungen, die unten in einem Bodenring enden und oben in den Hals und die Schnauze der Karaffe münden. Diese sind, wie der gläserne Henkel der Karaffe auf seiner Außenseite, aus Silber.
 
Schaut man ein wenig genauer hin, sieht man, dass der Silberüberzug nicht über das Glas gezogen, sondern fest mit ihm verbunden ist. Solche Silber-verzierten Gegenstände aus Porzellan oder Glas, die man heute als Silberoverlay bezeichnet, waren ab Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland unter der Bezeichnung Silberbelagware schick geworden. Der Pforzheimer Friedrich Deusch hatte sie maßgeblich entwickelt und ab 1901 in Schwäbisch Gmünd vervollkommnet, wo er auch 1912 seine – bis heute existierende – Metallporzellanfabrik Deusch & Co. für derartige Luxusartikel gegründet hat.
 
Einer seiner begnadetsten Lehrlinge war vermutlich der am 31.3.1900 in Esslingen geborene Friedrich Wilhelm Spahr, Sohn des aus Schwaikheim stammenden Kaufmanns Wilhelm Spahr aus der Mettinger Straße 101.
 
Die Schwierigkeit bei der Herstellung dieser aus zwei völlig unterschiedlichen Materialien bestehenden Objekte bestand darin, das Silber in einem galvanischen Bad mit der gläsernen Oberfläche zu verbinden. Das geschah, indem man die Glasflächen ganz präzise genau dort aufraute, die nachher mit Silber überzogen werden sollten. Danach bestrich man diese Flächen mit einer metallhaltigen Paste, die fähig war Strom zu leiten. Alle anderen Flächen musste man dabei perfekt abdecken. Die Genauigkeit dieser Vorarbeit entschied über die Qualität des Resultats, das dann in einem bis zu 30stündigen galvanischen Bad in einer Silberlösung erreicht wurde und den fühlbar dicken reinen Silberauftrag bewirkte. Die Muster konnten so frei sein, wie sie wollten, mussten aber zusammenhängen, damit der Stromfluss durch alle Teile und damit ihr gleichmäßig starker Aufbau garantiert waren.
 
Die wegen des Aufwandes an Präzision und Sorgfalt in der Regel ziemlich teuren und daher oft in Juweliergeschäften verkauften Vasen, Schalen oder Geschirrteile hatten großen Erfolge ab der Zeit des Art déco im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die flächige und klare moderne Gestaltung lässt sich auch an der kleinen Karaffe ablesen. Sie vermied Zwischentöne, indem auf den Porzellan- oder Glasuntergrund das damit in Materialität und Farbe kontrastierende Silbermuster flächig aufgebracht wurde. Es gab keine Materialvermengungen. Bei manchen Gegenständen ist die Silberfläche zusätzlich zart graviert worden. Eine besondere Schwierigkeit stellen auch die gewölbten und kleinen Flächen dar, die eine Übernahme eines Rapports aus einer Vorzeichnung auf Papier schwer machen.
 
Friedrich Wilhelm Spahr hatte sich 1937 in Schwäbisch Gmünd in der Gemeindehausstraße 6 selbständig gemacht und vier Jahre lang mit etwa 40 Mitarbeitern – Galvaniseure, Graveure, Email- und Porzellanmaler - produziert, bevor seine Firma um 1940 herum aus den Akten verschwand; vermutlich war sie als nicht kriegswichtig eingestuft und geschlossen worden.
 
Spahr ist 1953 rückwirkend als am 31.3.1945 verstorben erklärt worden – wahrscheinlich ist er im Zweiten Weltkrieg umgekommen. Seine Witwe Erika, geb. Daibler, hat die Firma nach dem Krieg bis 1959 weitergeführt. Dabei hat sie viele von Spahrs Entwürfen weiter produziert, aber auch neue ins Sortiment gebracht. Die kleine Karaffe gehört mit ihrem schräg abschließenden Hals mit hoher Wahrscheinlichkeit in diese zweite Phase der Spahr’schen Manufaktur.


Info

Wechselausstellungen

1914-1918. Esslingen und der Erste Weltkrieg. Heimatfront und Zeitenwende

Ausstellung im Stadtmuseum im Gelben Haus vom 9. November 2018 bis 10. März 2019 
 

Ausstellungs-Info

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Neuer Weg ins J. F. Schreiber-Museum ab 27. August

Ab 27. August verändert sich der Weg ins J. F. Schreiber-Museum im Salemer Pfleghof: Wegen der Baustelle an der Brücke Augustiner-/Geiselbachstraße wird dann die Unterführung am Salemer Pfleghof geschlossen. Die Unterführung beim Neuen Rathaus ist wieder zugänglich. Wir bitten Sie, der Beschilderung „Frauenkirche / Untere Beutau“ zu folgen. Der Eingang zum J. F. Schreiber-Museum im Salemer Pfleghof befindet sich gegenüber des Chors der Frauenkirche.

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